Ungenutzte Finanzierungspotenziale in Unternehmen Teil I: Was sind Vorräte und Forderungen wirklich wert?

Bei Finanzierungsberatungen mittelständischer Unternehmen begegnen wir nach wie vor in Bankgesprächen der Argumentation, eine Finanzierung sei nur möglich bei einer Sicherungsübereignung des Vorratsvermögens und einer stillen Zession der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen. Auf Rückfragen wird dann erklärt, dass sich dies auf den Finanzierungsspielraum des Unternehmens aber nicht stark auswirken würde, da diese Sicherheiten „im Ernstfall keinen Realisierungswert haben würden". Mit dem Ernstfall ist hier die Insolvenz gemeint. Diese Antwort erhalten Unternehmer auch, wenn sie sich z.B. speziell mit der Finanzierung ihrer Vorräte auseinandersetzen.

 

Worauf beruht diese für Unternehmen und Berater nicht zufriedenstellende Antwort?

 

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist in Deutschland nach wie vor noch das traditionelle schuldnerbezogene Geschäftsmodell bei Finanzierungen vorzufinden. Die dabei übliche Vorgehensweise behandelt Kreditsicherheiten mehr als passives Sicherungsinstrument. Im Vordergrund eines angelsächsisch geprägten Geschäftsmodells steht die Frage nach den Wiedergewinnungserlösen der zur Verfügung gestellten Sicherheiten in Form von Vorräten oder Forderungen aus Lieferungen und Leistungen. In diesem Zusammenhang wird auch häufig der Begriff „Asset Based Lending" benutzt. Insofern liegt es zunächst an der Verfolgung unterschiedlicher Geschäftsmodelle.

 

Die Aussage „...im Ernstfall nichts wert" zeugt aber darüber hinaus auf Bankenseite häufig von mangelndem betriebswirtschaftlichen know-how im Allgemeinen und gravierender Unkenntnis über das zu betrachtende Unternehmen im Besonderen.

 

Für Unternehmen bedeutet dies bei strategischer Ausrichtung der Finanzierung, zwischen bewährten Grundsätzen und neuen Spielregeln bei Finanzierungen zu entscheiden. Beim Asset Based Lending verändert sich der Stellenwert von Sicherheiten bei der Kreditvergabe.

 

Für Banken, die ihr Geschäftsmodell auf assetbezogene Finanzierungen ausdehnen wollen, ist mehr betriebswirtschaftliches und unternehmensspezifisches know-how für die Bewertung, Überwachung und Verwertung von Vorräten und Forderungen aus Lieferungen und Leistungen erforderlich.

 

Wenn Sie als mittelständischer Unternehmer in der Situation sind, für Vorräte und Debitoren keine adäquaten Finanzierungsspielraum erhalten, beginnen Sie einen intensiven und kritischen Dialog mit Ihrem Bankpartner. Dieser ist wichtig für eine nachhaltig erfolgreiche Kundenbeziehung.

 

Berichten Sie uns über Ihre Erfahrungen. Ihre in diesem Zusammenhang bestehenden Fragen beantworten wir gerne.

 

 

Dirk Ley, Vizepräsident des Bundesverbandes Kapital für den Mittelstand e.V.